Frühjahrsmüdigkeit: eine Studie sagt, es gibt sie nicht. Der Zustand bleibt trotzdem.
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2025 hat eine Schweizer Arbeitsgruppe nachgesehen, ob es Frühjahrsmüdigkeit gibt. Sie hat nichts gefunden — und gleichzeitig gab fast die Hälfte der Befragten an, betroffen zu sein1. Diese Notiz handelt von der Lücke dazwischen.
Was die Studie gefunden hat — und was nicht
Forschende aus Basel und Bern haben 4181 Personen über ein Jahr begleitet, veröffentlicht 2025 im Journal of Sleep Research. 47 Prozent1 berichteten, von Frühjahrsmüdigkeit betroffen zu sein; die Längsschnittdaten zeigten dazu keinen objektiven Beleg. Die Autorinnen und Autoren deuten das Phänomen als Nocebo-Effekt — als sich selbst erfüllende Erwartung, getragen von einem Wort, das es nur im deutschsprachigen Raum gibt.
Das ist saubere Arbeit, und ich stelle mich nicht dagegen. Sie widerlegt eine Behauptung, die die chinesische Medizin gar nicht aufstellt: dass die Jahreszeit selbst müde macht.
Man könnte auch sagen: Fall erledigt, 47 Prozent1 irren sich. Erwartung formt Wahrnehmung — der Einwand ist ernst zu nehmen. Nur berichtet fast die Hälfte der Menschen etwas, das sich mit dieser Methode nicht zeigt. Das ist kein Grund, es abzutun, sondern der Hinweis, dass gemessen wurde, was leicht zu messen ist. Und ein Wort, das eine Sprache seit Generationen für genau diese Wochen bereithält, ist selbst eine Beobachtung. Für den August hat sie keines erfunden.
Der Frühling als Richtung, nicht als Zustand
Der Frühling gehört zum Element Holz, und Holz ist die Richtung des Aufsteigens und Ausbreitens: 升發, shēng fā. Das klassische Kapitel zu den vier Jahreszeiten gibt dafür eine Verhaltensanweisung: später schlafen gehen, früher aufstehen, weite Kleidung, das Haar offen, langsam gehen — und, wörtlich, dem Willen erlauben, „zu leben".
Nüchtern übersetzt: Der Frühling ist dort ein Übergang, kein Zustand. Und Übergänge kosten.
Muss ich an das Element Holz glauben?
Nein. Sie müssen an nichts glauben. „Holz" ist kein Stoff und keine Kraft, sondern der Name für eine Bewegungsrichtung: von innen nach außen, von wenig nach mehr. Wenn Ihnen das zu bildhaft ist, lesen Sie „Umstellungsphase".
Und was hat der Winter damit zu tun?
In der alten Sprache heißt es 冬不藏精 — wer im Winter nicht bewahrt hat. Wer durchgearbeitet hat, als wäre es Juni, hat im März nichts, womit er aufsteigen könnte.
Warum es nicht der März ist
Das deckt sich mit dem, was Betroffene selbst sagen. Nicht der März macht müde. Es ist die Differenz zwischen dem, was der März verlangt, und dem, was der Winter übrig gelassen hat. Wer wieder soll und nichts mehr hat, ist müde im Frühling — nicht wegen der Jahreszeit, sondern wegen der Rechnung, die jetzt fällig wird.
Belegen kann ich diese Lesart nicht. Sie macht aber eine überprüfbare Vorhersage: dass es diejenigen stärker trifft, deren Winter besonders anstrengend war. Das ließe sich untersuchen; es ist nicht untersucht. Der Unterschied, auf den es mir ankommt: „Wir haben nachgesehen und da ist nichts" ist eine Aussage. „Es steht nicht in unserem Katalog" ist keine. Gefragt wird dort ohnehin nie nach dem Symptom, sondern nach dem Zustand, in dem jemand ins Jahr geht — Fünf Elemente, eine Frage.
Die Studie hat die Jahreszeit gemessen und nichts gefunden. Das ist glaubhaft. Die klassische Lesart fragt nach etwas anderem: nicht nach dem Frühling, sondern nach dem Winter davor. Diese Frage wurde nicht gestellt.
Woran Sie das Muster erkennen
Müdigkeit, die im Frühjahr beginnt und im Mai nicht wieder aufhört, ist keine Frühjahrsmüdigkeit mehr. Ärztlich abklären: Müdigkeit über mehr als vier bis sechs Wochen; Müdigkeit mit Gewichtsverlust, Fieber oder Nachtschweiß. Zu prüfen sind Blutarmut, Eisenmangel, Vitamin-D- und B12-Mangel, Schilddrüse, Blutzucker; Schlafapnoe (auffällig bei Schnarchen und morgendlichem Kopfschmerz); Allergien — der Pollenflug beginnt genau in diesem Zeitraum und macht müde; depressive Verstimmung über Wochen.
Häufige Fragen
Gibt es Frühjahrsmüdigkeit überhaupt?
Als messbarer Jahreszeiteneffekt ist sie bisher nicht nachgewiesen. Eine Schweizer Längsschnittstudie mit 4181 Personen fand 2025 keinen objektiven Beleg, obwohl sich 47 Prozent1 der Befragten als betroffen bezeichneten. Als berichteter Zustand existiert das Phänomen deutlich — nur nicht dort, wo gemessen wurde.
Frühjahrsmüdigkeit Ursachen — was steckt dahinter?
Diskutiert werden Licht- und Temperaturumstellung, Hormonrhythmus und Kreislauf; nachgewiesen ist keine dieser Erklärungen. Die chinesische Lesart setzt früher an: Nicht der Frühling erschöpft, sondern die Umstellung, die er verlangt — und die kostet umso mehr, je weniger Reserve der Winter übrig ließ.
Frühjahrsmüdigkeit wie lange dauert sie normalerweise?
Dazu liegen mir keine belastbaren Zahlen vor. Nach meiner Beobachtung in der Sprechstunde sind es einige Wochen, gerechnet ab den ersten milden Tagen, nicht ab dem Kalenderfrühling. Länger als bis Mitte Mai gehört sie nicht mehr in diese Schublade. Wer über vier bis sechs Wochen erschöpft bleibt, sollte das ärztlich abklären lassen — dahinter stehen oft gut prüfbare Ursachen.
Frühjahrsmüdigkeit was tun — worauf kommt es an?
Ich gebe hier keine Empfehlung, der Grund steht im nächsten Abschnitt. Was sich sagen lässt: Das klassische Kapitel behandelt diese Wochen als Übergang und beschreibt ein anderes Tempo — früher aufstehen, weite Kleidung, langsam gehen. Eine Anweisung zum Umschalten, nicht zum Anstrengen.
Warum bin ich antriebslos im März?
Der März ist der Monat mit der größten Differenz: Die Umgebung verlangt plötzlich mehr, die eigene Reserve ist am niedrigsten Punkt des Jahres. Wer antriebslos im März ist, erlebt selten ein neues Problem, sondern die Quittung für die Monate davor.
Kann Wetterwechsel Müdigkeit auslösen?
Viele Menschen berichten das, besonders bei raschen Luftdruck- und Temperaturwechseln im Frühjahr; die Alltagssprache nennt es Wetterfühligkeit. In einer Forsa-Befragung im Auftrag der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2014 bezeichnete sich rund die Hälfte2 der Befragten in Deutschland als wetterfühlig. Wissenschaftlich ist der Zusammenhang schwach belegt und schwer zu isolieren. Schwer messbar heißt aber nicht falsch — es heißt, dass die Methode noch fehlt.
Warum an dieser Stelle kein Rat steht
Es wäre einfach, diesen Text mit drei Empfehlungen zu beenden. Ich tue es nicht, und der Grund ist kein juristischer.
Die chinesische Medizin kennt keine Empfehlung für ein Symptom. Sie kennt nur eine Empfehlung für einen Menschen. Zwei Personen mit demselben Beschwerdebild bekommen dort seit zweitausend Jahren zwei verschiedene Antworten — und das ist kein Mangel an Präzision, sondern der Kern des Verfahrens. Es heißt 辨證論治, biàn zhèng lùn zhì: erst das Muster unterscheiden, dann darüber sprechen, was zu tun ist. Wer die zweite Hälfte ohne die erste macht, rät.
Der erste Schritt ist deshalb nicht die Beschwerde, sondern Sie selbst. Unser Konstitutions-Check fragt nicht nach Ihrem Geburtsjahr und stellt keine Diagnose. Er fragt danach, wie Sie auf Kälte, auf Wärme, auf Trockenheit und auf Belastung reagieren — und ordnet Sie in wenigen Minuten einem der fünf Zustände zu. Kostenlos, ohne Anmeldung.
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- Fünf Elemente, eine FrageIn welchem Zustand sind Sie gerade?
- Gesundheit hat zwei ZeitzonenDie Zeit vor der Krankheit und die danach.
- Sieben als versteckter Takt
Quellen
Über diese Notiz. Aus dem Arbeitsbuch von Dr. Wei, für die Veröffentlichung gekürzt und redigiert.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Angaben zur traditionellen chinesischen Medizin geben eine historische Denkweise wieder und stellen keine medizinische Aussage dar. Bei anhaltenden, neuen, starken oder einseitigen Beschwerden suchen Sie bitte ärztlichen Rat.