Spätsommergarten im weichen Morgenlicht, reife Tomaten, eine Blattspitze beginnt sich gelb zu färben

Lìqiū: die Kurve im Jahr, die am leichtesten zu übersehen ist

Heute schlägt der chinesische Jahreskalender die Seite „Beginn des Herbstes“ auf. Vor dem Fenster ist noch Sommer — und genau dieser Widerspruch ist die eigentliche Botschaft.

Aus dem Notizbuch von Dr. WeiDie 24 JahresphasenLesezeit ca. 6 Minuten

Heute, am siebten August, trägt in jenem Naturkalender, den China seit über zweitausend Jahren benutzt, ein Tag einen eigenen Namen: Lìqiū — wörtlich „der Herbst richtet sich auf“.

Vermutlich stutzen Sie zuerst. Herbst? Draußen ist doch Sommer. Anfang August in Deutschland: das Licht noch lang, die Abende noch warm, im Garten sind die Tomaten gerade erst rot geworden. In diesem Moment „Herbstanfang“ zu sagen, klingt, als hätte der Kalender die Jahreszeit verwechselt.

Hat er aber nicht. Und genau dieser scheinbare Widerspruch ist das, was Lìqiū Ihnen sagen möchte.

1. Ein Kalender, der kein Wetter vorhersagt

Die vierundzwanzig Sonnenperioden, in die der chinesische Jahreskalender das Jahr teilt, sind keine Wettervorhersage. Sie sagen nicht „heute 28 Grad, morgen Regen“. Sie markieren etwas anderes: die Wende einer Bewegung — jenen Wendepunkt, der noch nicht zu sehen, aber schon im Gange ist.

Lìqiū markiert nicht „die Hitze ist vorbei“. Es markiert: Der Schwung nach oben und nach außen hat seinen höchsten Punkt erreicht. Von heute an beginnt die Richtung sich leise umzukehren.

2. Die Hand am Lenkrad

Am klarsten wird es vielleicht mit einem Bild vom Autofahren. Der Sommer ist das Gaspedal, durchgetreten: alles strebt nach außen und nach oben, wächst, zeigt sich, breitet sich aus — die Blätter voll entfaltet, der Mensch am aktivsten, am offensten.

Lìqiū ist keine Vollbremsung, erst recht kein Ausschalten des Motors. Es ist nur diese eine Hand, die — kaum merklich — beginnt, das Lenkrad zurückzudrehen. Der Wagen fährt noch vorwärts, die Trägheit trägt ihn, draußen ist es noch heiß. Aber die Richtung, in die es geht, hat sich bereits geändert.

3. Die Natur schaltet leise

Die Natur hat längst umgeschaltet, nur eben leise. Und wer es zuerst bemerkt, ist nie das Thermometer, sondern etwas anderes: An einem Morgen liegt plötzlich ein Hauch von Trockenheit und Kühle in der Luft, den es vorher nicht gab. Die Grillen zirpen eine Spur dünner. Es wird ein paar Minuten früher dunkel als noch letzte Woche. An manchen Bäumen trägt die äußerste Blattspitze ein Gelb, das noch kaum Gelb sein darf.

Diese Signale sind so fein, dass man sie fast übersieht — und doch sind sie die Natur beim Schalten. Die alten chinesischen Texte geben dieser Haltung einen schlichten Namen: mitgehen. Nicht gegen die Jahreszeit ankämpfen, sondern der Hand am Lenkrad folgen und die Richtung sachte mitnehmen.

Nahaufnahme eines grünen Blattes, dessen äußerste Spitze sich gerade gelb zu färben beginnt
Das erste Gelb an der Blattspitze — die Natur schaltet, lange bevor das Thermometer es zeigt.

4. Ein Wort: Sammeln

Worin besteht dieses Mitgehen mit Lìqiū konkret? Im Kern in einem einzigen Gedanken: Sammeln.

Wenn das Thema des Sommers „Ausbreiten“ heißt — nach außen, wachsen, verausgaben, sich zeigen —, dann kehrt sich das Thema von Lìqiū an langsam ins Gegenteil: einkehren, nach innen, zusammennehmen, bewahren. Das ist kein Befehl, sondern eine Einladung: schon jetzt, solange es noch warm ist, die Kraft, die den ganzen Sommer nach außen gedrückt hat, ein wenig zu lockern.

5. Sie tun es längst

Und dieses Sammeln tun die Menschen hierzulande längst, ganz ohne Theorie. Im Sommer bleibt man vielleicht lange wach, die Wochenenden sind randvoll. Doch mit dem beginnenden Herbst zieht es einen von selbst früher nach Hause; man möchte etwas Warmes, Geschmortes essen, einen stillen Abend haben. Dieser Instinkt, sich ein wenig nach innen zu wenden, braucht keine Anleitung.

Die chinesische Sicht setzt diesen Instinkt nur ein Stück früher an — auf den Lìqiū, der noch mitten im Sommer liegt — und erklärt, warum er sich lohnt: Am Zipfel des Sommers schon mit dem Sammeln zu beginnen, ist weit gelassener, als sich erst dann hastig einzumummeln, wenn der kalte Wind wirklich da ist. Genau das meint jene Arbeit flussaufwärts: dem Wendepunkt folgen, solange er noch ganz leicht ist.

Denselben Gedanken — vorher statt nachher — beschreibt der Beitrag Gesundheit hat zwei Zeitzonen. Warum in dieser Denkweise ausgerechnet der Herbst und nicht der Frühling die Zeit für das Thema Oberfläche ist, steht in TCM bei Heuschnupfen: warum im Herbst, nicht im April.

Ruhiger früher Abend am Fenster, der Himmel dämmert etwas früher, eine Tasse warmer Tee im weichen Lampenlicht
Früher dunkel, etwas Warmes in der Tasse: das Sammeln beginnt oft, bevor wir es bemerken.

6. Was Lìqiū über die Zeit lehrt

So gesehen lehrt Lìqiū nicht nur etwas über den Herbst. Es ist eine Art, Zeit zu lesen: Die wirkliche Wende geschieht fast immer vor unserem Gefühl. Wenn Sie „spüren“, dass es kalt wird, dass Sie müde sind, dass sich etwas ändern sollte — dann ist die Kurve längst genommen, oft seit Langem.

Und jene Menschen, die mit Gelassenheit durchs Jahr gehen, sind oft die, die diese ganz frühen, ganz leisen Signale lesen können — die schon mitlenken, wenn das Lenkrad sich gerade erst zu bewegen beginnt.

Vor dem Fenster ist noch Sommer. Aber seit heute liegt eine Hand ganz leicht am Lenkrad.

Achten Sie an diesem Wochenende vielleicht einmal darauf: Hat Ihr Körper — Ihnen einen Schritt voraus — die Kurve womöglich schon gespürt?

— Dr. Wei
Forscher bei DR. COMOI

Zur Einordnung. Die hier beschriebenen Begriffe stammen aus der klassischen chinesischen Medizin und geben eine historische Denkweise wieder. Sie sind keine Diagnosen im Sinne der westlichen Medizin und keine Aussage über die Wirkung von Lebensmitteln oder Nahrungsergänzungsmitteln. Wer anhaltende, neue, einseitige oder starke Beschwerden hat, klärt diese ärztlich ab.

Passt das Thema zu Ihnen? Welche Elemente in Ihrer Konstitution gerade im Vordergrund stehen, lässt sich in wenigen Minuten sortieren. → Zum Fünf-Elemente-Fragebogen

Häufige Fragen

Was ist Lìqiū?

Lìqiū (立秋) ist der dreizehnte der vierundzwanzig chinesischen Sonnenperioden und bezeichnet den kalendarischen Herbstanfang. Er fällt meist auf den 7. oder 8. August. Wörtlich heißt der Name „der Herbst richtet sich auf“. Gemeint ist ein Wendepunkt der Bewegung, nicht ein Wetterumschwung.

Warum beginnt der chinesische Herbst schon im August?

Weil die vierundzwanzig Sonnenperioden am Sonnenstand ausgerichtet sind, nicht an der Temperatur. Lìqiū markiert den Punkt, an dem die aufsteigende Bewegung des Jahres ihren höchsten Stand erreicht hat und sich umzukehren beginnt. Die spürbare Abkühlung folgt erst Wochen später — der Kalender beschreibt die Wende, nicht ihr Ergebnis.

Was sind die 24 Sonnenperioden?

Die Jiéqì (节气) teilen das Sonnenjahr in vierundzwanzig Abschnitte von je etwa fünfzehn Tagen. Sie entstanden als landwirtschaftlicher Kalender im alten China und sind seit 2016 UNESCO-Weltkulturerbe. Jeder Abschnitt trägt einen eigenen Namen, der eine Naturbeobachtung benennt — vom Frühlingsanfang Lìchūn bis zur Großen Kälte Dàhán.

Was bedeutet „Sammeln“ im Zusammenhang mit dem Herbst?

In der klassischen Denkweise steht jede Jahreszeit für eine Bewegungsrichtung: der Frühling für Aufgehen, der Sommer für Ausbreiten, der Herbst für Sammeln, der Winter für Bewahren. „Sammeln“ meint das Zurücknehmen nach innen — früher zu Hause sein, wärmer essen, den Abend ruhiger halten. Es ist eine Beschreibung von Rhythmus, keine Handlungsanweisung.

Woher stammt der Gedanke, vor dem Umschwung zu handeln?

Aus dem zweiten Kapitel des Suwen, Siqi Tiaoshen Dalun. Dort steht das bekannte Bild, dass es zu spät sei, einen Brunnen zu graben, wenn der Durst schon da ist. Der Grundsatz heißt zhì wèi bìng — sich um das kümmern, was noch nicht eingetreten ist.

Sind die Sonnenperioden auch in Europa anwendbar?

Nur eingeschränkt. Die Termine sind astronomisch bestimmt und gelten weltweit gleich, die zugehörigen Naturbeobachtungen stammen jedoch aus dem Klima Nordchinas. Der Sommer in Hamburg verläuft anders als der in Peking. Übertragbar ist die Denkweise, nicht die Wetterbeschreibung.

Über diese Notiz. Aus dem Arbeitsbuch von Dr. Wei, für die Veröffentlichung gekürzt und redigiert. Teil der Reihe über die vierundzwanzig Jahresphasen: Der Rhythmus der Natur ist kein Aberglaube, sondern eine Einladung — die Wende mitzugehen, solange sie noch leicht ist.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Angaben zur traditionellen chinesischen Medizin geben eine historische Denkweise wieder und stellen keine medizinische Aussage dar. Bei anhaltenden, neuen, starken oder einseitigen Beschwerden suchen Sie bitte ärztlichen Rat.

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