Schwarz vor Augen beim Aufstehen: „das Klare steigt nicht auf"

Schwarz vor Augen beim Aufstehen: „das Klare steigt nicht auf"

清陽不升qīng yáng bù shēng · das Klare steigt nichtDR. COMOI · WISSEN

Es wird schwarz vor Augen beim Aufstehen, zwei, drei Sekunden lang, dann flimmert es, dann ist es vorbei. Die deutschen Ratgeber nennen das orthostatische Dysregulation. Richtig — nur ist das kein Befund, sondern eine Übersetzung dessen, was Sie gerade beschrieben haben.

Aus dem Notizbuch von Dr. WeiLesezeit ca. 6 Minuten

Ein Name ist keine Erklärung

Wer bei Google eingibt, dass ihm beim Aufstehen schwindelig wird, tippt wörtlich. Nicht „Vertigo", nicht „Hypotonie" — sondern das, was passiert ist. Die Antwort lautet in aller Regel: orthostatische Dysregulation.1

Der Begriff ist korrekt. Übersetzt heißt er: Die Regulation beim Aufrichten funktioniert nicht richtig — genau das, was der Betroffene eine Zeile vorher selbst geschrieben hat, nur auf Latein und Griechisch. Ein Name sortiert; er erklärt nichts.

Auf der ersten Trefferseite stehen außerdem mehrere Beiträge derselben einzelnen Praxis, daneben soziale Netzwerke: Die Nachfrage nach einer verständlichen Erklärung ist größer als das Angebot. Die Leute fragen sich gegenseitig, weil die Antwort ihnen nichts gesagt hat.

Wann das ärztlich abgeklärt gehört

Sofort ärztlich bei tatsächlicher Ohnmacht ohne Vorwarnung; bei Ohnmacht im Liegen oder unter körperlicher Belastung; bei Bewusstlosigkeit mit Herzrasen, Brustschmerz oder Luftnot; bei einem Sturz mit Verletzung oder Kopfanprall; bei plötzlichen Todesfällen in der Familie; bei neu aufgetretenem Schwindel zusammen mit Sprach-, Seh- oder Gefühlsstörungen (Notruf 112).

Abzuklären sind außerdem: Blutarmut und Eisenmangel, Blutzucker, Schilddrüse, Herzrhythmus, Nebenwirkungen von Medikamenten (Blutdruckmittel, Entwässerung, Antidepressiva, Prostatamittel), Flüssigkeitsmangel, Schwangerschaft und Essstörungen.

Ausdrücklich: Wiederholtes Schwarzwerden gehört einmal ordentlich untersucht, auch wenn es sich harmlos anfühlt.

„Das Klare steigt nicht auf"

Die chinesische Medizin hat dafür einen zweitausend Jahre alten Fachbegriff: 清陽不升, qīng yáng bù shēng — „das Klare steigt nicht auf". Gemeint ist der leichte Anteil dessen, was der Körper aus Nahrung und Atem gewinnt und der nach oben gehört.

Sie müssen an nichts glauben, um den Satz zu benutzen. Nüchtern: Sie richten sich auf, und oben kommt für zwei, drei Sekunden nicht an, was ankommen müsste.

Die eigentliche Pointe: Die chinesische Beschreibung ist näher am Erleben als die deutsche Fachsprache. „Das Klare steigt nicht auf" ist das, was der Mensch spürt. „Orthostatische Dysregulation" ist das, was das Messgerät sieht. Derselbe Vorgang — nur eines davon kann man jemandem erzählen.

Daraus folgt ein Leitgedanke: Es ist keine Frage des Drucks, sondern des Timings — wie schnell die Regulation nachkommt. Das erklärt, warum langsames Aufstehen so zuverlässig hilft.2 Und warum es niemandem hilft zu hören, sein Blutdruck liege „im Normbereich".

Man könnte auch sagen: Das ist einfach niedriger Blutdruck, und der ist harmlos. Wozu ein chinesischer Begriff?

Der Einwand stimmt oft. Niedriger Blutdruck ohne Beschwerden hat zu Recht keinen Krankheitswert.3 Nur: Der Mensch, der fragt, hat Beschwerden. Ihm zu sagen, sein Wert sei harmlos, beantwortet seine Frage nicht — es beendet das Gespräch.

Warum werde ich Sterne sehen beim Aufstehen, obwohl alle Werte in Ordnung sind?

Weil Laborwerte Zustände messen und nicht Übergänge. Hier gilt der Unterschied, den ich gern mache: „Wir haben nachgesehen und da ist nichts" ist eine Aussage. „Es steht nicht in unserem Katalog" ist keine.

Zwei Muster, die zu unterscheiden etwas bringt

Zwei Konstellationen werden unterschieden — nicht als Diagnose, als Ordnung für die Beobachtung.

氣虛 qì xū — zu wenig Trag- und Hebeleistung. Vor allem morgens, nach dem Essen, bei Hitze, nach langem Stehen. Begleitend: schnelle Erschöpfung, eine Stimme, die gegen Abend leiser wird, wenig Muskelreserve. Die deutsche Alltagssprache sagt „schwacher Kreislauf" — ein Wort, das etwas trifft.

血虛 xuè xū — zu wenig Nährendes. Mit Blässe, mit Flimmern vor den Augen auch ohne Aufstehen, mit trockenen Augen und dünnem Haar, bei Frauen um die Menstruation deutlich schlechter.

Praktisch heißt das: Beim ersten Muster ist die Tageszeit der wichtigste Hinweis, beim zweiten der Zyklus. Wie die Zuordnung gedacht ist, steht in Fünf Elemente, eine Frage.

1
Es dauert Sekunden und ist danach vollständig vorbeiKein Nachhall, keine Übelkeit über Minuten, kein Ausfall.
2
Es tritt beim Aufrichten auf, nicht im Sitzen oder LiegenSchwindel, der im Liegen beginnt, gehört ärztlich abgeklärt.
3
Morgens und bei Hitze deutlich häufigerAuch nach schwerer Mahlzeit, nach langem Stehen, im heißen Bad.
4
Langsames Aufstehen verhindert es zuverlässigErst sitzen, Füße bewegen, dann stehen.
5
Begleitend Blässe, kalte Hände und schnelle ErschöpfungMit Punkt 1 und 2 ein brauchbares Bild.

Häufige Fragen

Warum wird mir schwarz vor Augen beim Aufstehen?

Weil die Kreislaufregulation dem Lagewechsel hinterherhinkt. Beim Aufrichten sackt Blut in die Beine, der Körper braucht einen Moment zum Gegensteuern. In dieser Lücke bekommt das Auge zu wenig — es wird dunkel, dann flimmert es. Medizinisch heißt das orthostatische Dysregulation.

Ist Schwindel beim Aufstehen gefährlich?

Meist nicht, wenn er Sekunden dauert, nur beim Aufrichten auftritt und vollständig vergeht. Gefährlich wird nicht der Schwindel, sondern der Sturz. Abzuklären ist es bei echter Ohnmacht, bei Auftreten im Liegen oder unter Belastung und bei Herzrasen, Brustschmerz oder Luftnot.

Was tun, wenn mir ständig beim Aufstehen schwindelig wird?

Zuerst untersuchen lassen: Blutbild und Eisen, Blutzucker, Schilddrüse, Herzrhythmus, dazu die Medikamentenliste. Wiederholtes Schwarzwerden gehört einmal ordentlich abgeklärt, auch wenn es sich harmlos anfühlt. Selbst beitragen können Sie Beobachtung: Tageszeit, Wärme, Mahlzeiten, Zyklus — das ist mehr wert als jede Selbstdiagnose.

Warum habe ich Schwindel beim Aufstehen trotz normaler Blutwerte?

Weil Blutwerte einen Zustand abbilden und keinen Übergang. Gemessen wird der ruhende Körper; der Vorgang dauert drei Sekunden. Normale Werte schließen also nicht aus, dass die Regulation zu langsam nachkommt. Sie zeigen nur, dass die häufigsten anderen Ursachen ausscheiden — eine andere Auskunft.

Was bedeutet es, wenn man kurz weggetreten beim Aufstehen ist?

Meist einen Moment, in dem die Wahrnehmung schmal wird, ohne dass jemand das Bewusstsein verliert. Das ist etwas anderes als eine Ohnmacht, und der Unterschied ist praktisch: Wer umgefallen ist, gehört zeitnah untersucht. Wer nur grau gesehen hat und danach klar war, nicht.

Was sagt die TCM zu Sterne sehen beim Aufstehen?

Sie ordnet es dem Bild „das Klare steigt nicht auf" zu und unterscheidet zwei Konstellationen: zu wenig Trag- und Hebeleistung (morgens, nach dem Essen, bei Hitze) und zu wenig Nährendes (Blässe, trockene Augen, um die Menstruation schlechter). Keine Diagnose, eine Ordnung für die Beobachtung.

Warum an dieser Stelle kein Rat steht

Es wäre einfach, diesen Text mit drei Empfehlungen zu beenden. Ich tue es nicht, und der Grund ist kein juristischer.

Die chinesische Medizin kennt keine Empfehlung für ein Symptom. Sie kennt nur eine Empfehlung für einen Menschen. Zwei Personen mit demselben Beschwerdebild bekommen dort seit zweitausend Jahren zwei verschiedene Antworten — und das ist kein Mangel an Präzision, sondern der Kern des Verfahrens. Es heißt 辨證論治, biàn zhèng lùn zhì: erst das Muster unterscheiden, dann darüber sprechen, was zu tun ist. Wer die zweite Hälfte ohne die erste macht, rät.

Der erste Schritt ist deshalb nicht die Beschwerde, sondern Sie selbst. Unser Konstitutions-Check fragt nicht nach Ihrem Geburtsjahr und stellt keine Diagnose. Er fragt danach, wie Sie auf Kälte, auf Wärme, auf Trockenheit und auf Belastung reagieren — und ordnet Sie in wenigen Minuten einem der fünf Zustände zu. Kostenlos, ohne Anmeldung.

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Quellen

  1. t-online: Schwindel beim Aufstehen — was tun bei orthostatischem Schwindel? Link
  2. AOK: Kreislaufprobleme — woher kommen sie und was kann man tun? Link
  3. onmeda: Niedriger Blutdruck (Hypotonie). Link

Über diese Notiz. Aus dem Arbeitsbuch von Dr. Wei, für die Veröffentlichung gekürzt und redigiert.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Angaben zur traditionellen chinesischen Medizin geben eine historische Denkweise wieder und stellen keine medizinische Aussage dar. Bei anhaltenden, neuen, starken oder einseitigen Beschwerden suchen Sie bitte ärztlichen Rat.

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