Ständig erkältet: die alte Frage lautet nicht wie oft, sondern wie lange
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Einer der häufigsten Sätze in meiner Sprechstunde: Ich bin ständig erkältet. Meist folgt eine Zahl — fünf, sechs, acht Infekte im Jahr. Die klassische chinesische Systematik interessiert sich für diese Zahl weniger, als man denkt. Sie fragt anders.
Was die deutschen Zahlen sagen
Zuerst das Nüchterne. Der DAK-Gesundheitsreport 2025 nennt für 2024 Atemwegserkrankungen als häufigsten Grund für Krankschreibungen überhaupt: 19,4 Prozent aller Fehltage1. Auf 100 Versicherte entfielen 381,7 Fehltage, im Jahr davor 371,41. Die Betroffenenquote lag bei 66,5 je 100 Versicherte gegenüber 63,11 — der Trend zeigt nach oben.
Zwei von drei Versicherten waren also betroffen. Wer sich für anfällig für Infekte hält, ist in großer Gesellschaft. Der Punkt liegt woanders.
Nicht wie oft, sondern wie lange
Die alte Systematik fragt nicht zuerst, wie oft jemand etwas aufliest — das hängt daran, ob man kleine Kinder hat oder in einer Schule arbeitet, und sagt mehr über die Umgebung als über den Menschen. Sie fragt: Wie lange braucht jemand, um es loszuwerden? Und wie fühlt er sich dazwischen?
Zwei Menschen mit je fünf Erkältungen im Jahr sind in dieser Lesart nicht derselbe Fall, wenn der eine nach vier Tagen wieder arbeitet und der andere drei Wochen hustet.
Der Kerngedanke. Die Häufigkeit misst Ihre Umgebung. Die Dauer misst Sie. Und der Zustand dazwischen zeigt, ob die Erholung je zu Ende war — oder ob der nächste Infekt einen trifft, der vom letzten nicht zurück ist.
Der Begriff, der hier in den alten Texten steht, ist 衛氣, wèi qì — „Wach-Qi" oder „Abwehr-Qi": der Anteil, der an der Oberfläche zirkuliert, zwischen Haut und Muskel. Der Ort heißt 腱理, còu lǐ, meist mit „Poren" übersetzt; gemeint sind eher die Fugen.
Sie müssen an nichts glauben. Nüchtern und ohne jede Metaphysik meint das Wort die Geschwindigkeit, mit der die Oberfläche sich anpasst: wie schnell sie schließt, wenn es kälter wird, wie schnell sie öffnet, wenn es wärmer wird. Nicht wie dicht — wie schnell.
Der Zustandsname lautet 表虛 — „die Oberfläche ist schwach": Man schwitzt ohne Anstrengung, man ist zugempfindlich, und man wird anfällig, sobald der Wind sich dreht. Die deutsche Volksmedizin hat dafür eigene Wörter behalten — Zugluft, Verkühlung. Älter als jeder Laborbefund.
Einen sehr bekannten: 玉屏風散, „Jade-Wandschirm-Pulver". Der Name ist der interessante Teil — Bestandteile und Anwendung gehören nicht hierher. Ein Wandschirm dichtet nichts ab; er nimmt dem Zug nur das Tempo. Genau so sieht die alte Systematik eine gesunde Oberfläche: keine Mauer.
治未病 — „behandeln, was noch keine Krankheit ist". Die Zeit zwischen zwei Infekten ist kein leerer Raum, sondern der eigentliche Gegenstand. Über diese Trennung habe ich an anderer Stelle geschrieben.
Der Einwand: „schwaches Immunsystem" ist kein Begriff
Man könnte sagen: schwaches Immunsystem ist ein Laienbegriff. Wer wirklich ein geschwächtes Immunsystem hat, ist schwer krank — ein echter Immundefekt ist selten und wird diagnostiziert, nicht gefühlt. Ich gebe das vollständig zu. Das Wort ist unscharf, und auch die Formeln daneben — Abwehrkräfte stärken, Immunsystem stärken — haben keine feste Definition.
Genau deshalb ist es interessant. Millionen benutzen ein Wort, für das es keine Kategorie gibt. Sie beschreiben damit etwas Reales, für das die Medizin keinen Platz vorgesehen hat: keinen Defekt, sondern eine Trägheit. Nicht „krank", sondern „immer wieder krank und dazwischen nie ganz da".
Hier gilt der Unterschied, auf den ich Wert lege: „Wir haben nachgesehen und da ist nichts" ist eine Aussage. „Es steht nicht in unserem Katalog" ist keine. Die meisten, die mir davon erzählen, hatten längst aufgehört zu erzählen — weil ihnen gesagt wurde, sie bildeten sich das ein. Mehr dazu in Ein Arzt zwischen zwei Sprachen.
Woran man das Muster erkennt
Keine Diagnose, keine Checkliste zum Abhaken — nur das, wonach die klassische Befragung fragt, wenn jemand sagt, er sei ständig erkältet:
Bei mehr als acht Infekten pro Jahr im Erwachsenenalter. Bei Infekten, die immer wieder antibiotisch behandelt werden müssen. Bei wiederholten tiefen Infektionen von Lunge, Nebenhöhlen oder Haut. Bei Fieber über eine Woche, ungewolltem Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Husten über acht Wochen, Blut im Auswurf.
Ebenso gehören Eisenmangel, Blutzucker, Schilddrüse, Medikamente (z. B. Kortison, Immunsuppressiva) und ein unerkannter Schlafmangel geprüft, bevor man über Muster spricht. Das ist keine Höflichkeit gegenüber der westlichen Medizin, sondern die richtige Reihenfolge.
Häufige Fragen
Warum bin ich ständig erkältet?
Nach meiner Erfahrung liegt es meist an der Umgebung: kleine Kinder, Schule, Pflegeberuf, volle Verkehrsmittel. Die Zahl der Infekte sagt wenig über die Person. Aussagekräftiger ist, wie lange ein Infekt dauert und wie man sich dazwischen fühlt. Wer nach jedem Infekt drei Wochen braucht, beschreibt etwas anderes als jemand, der sich fünfmal im Jahr für vier Tage hinlegt.
Wie oft ist eine Erkältung pro Jahr normal?
Eine belastbare deutsche Vergleichszahl für die durchschnittliche Infekthäufigkeit bei Erwachsenen liegt nicht vor — ich nenne deshalb bewusst keine. In meiner Sprechstunde berichten die meisten von einigen wenigen Erkältungen pro Jahr, mit kleinen Kindern im Haus deutlich mehr. Der DAK-Gesundheitsreport 2025 nennt für 2024 eine Betroffenenquote von 66,5 je 100 Versicherte1. Ab etwa acht Infekten jährlich gehört die Sache im Erwachsenenalter ärztlich abgeklärt.
Was sagt die TCM zu ständigen Erkältungen?
Sie ordnet das Bild einem Zustand namens 表虛 zu, „die Oberfläche ist schwach": Schwitzen ohne Anstrengung, Zugempfindlichkeit, Anfälligkeit bei Wetterwechsel. Der Begriff 衛氣 wèi qì meint nüchtern die Geschwindigkeit, mit der die Oberfläche sich anpasst. Eine historische Denkweise, keine medizinische Aussage.
Wie kann man einer Erkältung vorbeugen?
Zur Frage, wie man einer Erkältung vorbeugen kann, steht hier bewusst kein Rat. Die alte Systematik hat dafür einen eigenen Gedanken: 治未病, „behandeln, was noch keine Krankheit ist". Ihr Gegenstand ist nicht der Infekt, sondern die Zeit dazwischen. Was daraus für eine Person folgt, hängt von deren Muster ab.
Warum bin ich immer wieder krank, obwohl alle Blutwerte in Ordnung sind?
Normale Blutwerte schließen aus, was gemessen wurde. Sie sagen nichts über das, wofür es keine Messgröße gibt — etwa die Geschwindigkeit der Erholung. „Wir haben nachgesehen und da ist nichts" ist eine Aussage. „Es steht nicht in unserem Katalog" ist keine.
Warum an dieser Stelle kein Rat steht
Es wäre einfach, diesen Text mit drei Empfehlungen zu beenden. Ich tue es nicht, und der Grund ist kein juristischer.
Die chinesische Medizin kennt keine Empfehlung für ein Symptom. Sie kennt nur eine Empfehlung für einen Menschen. Zwei Personen mit demselben Beschwerdebild bekommen dort seit zweitausend Jahren zwei verschiedene Antworten — und das ist kein Mangel an Präzision, sondern der Kern des Verfahrens. Es heißt 辨證論治, biàn zhèng lùn zhì: erst das Muster unterscheiden, dann darüber sprechen, was zu tun ist. Wer die zweite Hälfte ohne die erste macht, rät.
Der erste Schritt ist deshalb nicht die Beschwerde, sondern Sie selbst. Unser Konstitutions-Check fragt nicht nach Ihrem Geburtsjahr und stellt keine Diagnose. Er fragt danach, wie Sie auf Kälte, auf Wärme, auf Trockenheit und auf Belastung reagieren — und ordnet Sie in wenigen Minuten einem der fünf Zustände zu. Kostenlos, ohne Anmeldung.
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- Gesundheit hat zwei ZeitzonenDie Zeit vor der Krankheit und die danach.
- Fünf Elemente, eine FrageIn welchem Zustand sind Sie gerade?
- Ein Arzt zwischen zwei SprachenWarum manche Beobachtungen nur in einer Sprache existieren.
Quellen
- DAK-Gesundheit: Gesundheitsreport 2025 (Daten für 2024). 2025. Link
Über diese Notiz. Aus dem Arbeitsbuch von Dr. Wei, für die Veröffentlichung gekürzt und redigiert.
Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Angaben zur traditionellen chinesischen Medizin geben eine historische Denkweise wieder und stellen keine medizinische Aussage dar. Bei anhaltenden, neuen, starken oder einseitigen Beschwerden suchen Sie bitte ärztlichen Rat.